Archäologische Forschung im Grossen Nowgorod, Birkenrindeurkunden
Das mittelalterliche Nowgorod befindet sich unter Asphalt und Häuserfundamenten der modernen Stadt. Dazu tragen geologische und klimatische Voraussetzungen vom Priilmenski Tiefland, in dem Nowgorod liegt, bei. Das hohe Grundwasserniveau und Tonböden sichern ausgezeichnete Aufbewahrung aller Stoffe im Boden einschliesslich organische Stoffe – Holz, Leder, Knochen. In der kulturellen Schicht Nowgorods, die in einigen Stadtteilen 8-9 Meter tief ist, sind die ganzen Stadtviertel des X.-XI. Jahrhundert als Reste von Balkenbauten und Holzstrassenbelag erhalten geblieben. Einige Hunderten Tausend Alltags-und Wirtschaftsgegenstände, die von Stadtbewohnern im Mittelalter weggeworfen oder verloren worden sind, sind von hohem Wert für die kulturelle Schicht Nowgorods, weil sie die Information über Lebens-und Kulturniveau der uralten Nowgoroder erteilen.
Die archäologische Forschung in Nowgorod begann von Landeskundigen wie N.G.Bogoslowskij, W.S.Peredolskij u.a. noch am Ende des XIX. Jahrhunderts. 1910 wurden die Ausgrabungen in Rjurikowo Gorodischtsche und im Kreml vom bekannten Maler, Schriftsteller und Philosophen N.K.Rerich durchgeführt. Die systematische Altertumsforschung in Nowgorod begann unter Leitung von A.W.Arzichowskij 1932. Im Laufe von mehr als 70 Jahren seiner Expeditionsarbeit gewann Nowgorod einen Weltruf als Ort der grössten archäologischen Ausgrabungen in Osteuropa.
Die archäologischen Denkmäler bilden den umfangreichsten Teil im historisch-kulturellen Erbe Nowgorods. Ohne Übertreibung kann man die Stadt als riesiges archäologisches Komplex mit der tausendjährigen Entwicklungsgeschichte. Ausgezeichnete Aufbewahrung der Nowgoroder Altertümer stellt sie in eine Reihe mit archäologischen Phänomenen wie Antikpompeji. Dabei hat Nowgorod einen wesentlichen Vorteil, der darin besteht, dass das unter vulkanischer Asche begrabene Pompeji einen einzeitigen chronologischen Schnitt für Wissenschaftler aufbewahrt hat und dass die Nowgoroder Archäologen über den ganzen Lebenslauf einer mittelalterlichen Stadt im X.-XVII. Jahrhundert verfügen.
Die Reste der uralten Stadt, die im Resultat der mehrjährigen Ausgrabungen in letzten Jahrzehnten entdeckt worden sind, stehen im Mittelpunkt für russische sowie ausländische Forscher der Geschichte des Mittelalters und der Archäologie. Ihrer gemeinen Meinung nach haben die Nowgoroder Altertümer geeichte Bedeutung für Kultur-und Alltagserforschung der ganzen nordeuropäischen Region in einer sehr weiten chronologischen Periode – von der Wikingerepoche bis zum entwickelten Mittelalter.
Ausserordentlich gross ist die Bedeutung der Nowgoroder Birkenrindeurkunden, die den Historikern zum ersten Mal die Möglichkeit boten, sich mit dem Alltag der Bürger im Mittelalter, ihren Handels-und Geldbeziehungen, Boden-und Privatbeziehungen, Besonderheiten der Nowgoroder Mundart in der altrussischen Sprache im Detail bekanntzumachen. Zur Zeit sind schon über 950 Birkenrindeurkunden gefunden, und unter Berücksichtigung der Urkunden, die in Staraja Russa und Torshok, im Nowgoroder “Vorort”, gefunden sind, beträgt ihre Zahl über 1000.
Das archäologische Reichtum der Stadt kombiniert verschiedene Denkmälergruppen organisch. Neben den oben genannten mittelalterlichen Holzbauresten gehören Reste von mächtigen Verteidigungssystemen – Wall und Graben der Okolnij Stadt, zwei Bastionen der Kleinen Erdstadt und der Kreml dazu. Innerhalb der aufbewahrten Fortifikationskomplexe bleiben die Ruinenreste früherer und nicht erhaltener Bauten des XI. –XVII. Jahrhunderts.
Die Ausgrabungen in Nowgorod, geführt seit 1932 ständig, haben schon viele Entdeckungen, die die Fakten der russischen Geschichte ergänzen oder korrigieren, gebracht. Aber wir können noch grössere Resultate der Forschung in Nowgorod erwarten, weil nicht mehr als 3% seiner historischen Territorien bis jetzt erforscht sind. Nach W.L.Janin, dem Akademiker der Russischen Akademie der Wissenschaften,” ist Nowgorod unsere einzige Chance, die echte Geschichte Russlands kennenzulernen.”
Zur Zeit werden die Ausgrabungen in Ljudin Konez - in einem der ältesten Stadtkernen südlicher des Nowgoroder Kremls - geführt. Hier, in der Troizki Ausgrabung, forscht man schon 30 Jahre lang das ganze Viertel der mittelalterlichen Stadt, das mit wohlhabenden Leuten, vermutlich Bojaren, besiedelt worden ist. Einige Hofbesitzer wurden dank den hier gefundenen Birkenrindeurkunden mit Adressaten-und Autorennamen bekannt. Insbesondere forschten die Archäologen den Hof des Nowgoroder Malers Olisej Gretschin (eines Griechen), der an der Grenze des XII. -XIII. Jahrhunderts lebte. Unter den gefundenen Gegenstände sind Materialien für Ikonen, Minerale für Farbenfertigung, Birkenrindebriefe mit Ikonenbestellungen. Die Arbeiten sind auch in anderen Stadtteilen, wo die Archäologen vor der Errichtung neuer Bauten die Ausgrabungen durchführen sollen.
Seit 2005 begannen die Unterwasserausgrabungen am Wolchow, wo die Fachleute die Reste der hölzernen Grossen Brücke forschen sowie die Erforschung und Hebung uralter Schiffe planen. Ausführliche Information über Unterwasserarchäologie in Nowgorod ist hier.
Die Leitung der meisten Forschungen wird vom Zentrum für archäologische Forschung im Nowgoroder Staatsmuseum-und Naturschutzgebiet geführt. Der wissenschaftliche Bestand der Expedition besteht meistens aus Mitarbeitern des Lehrstuhls für Archäologie der Moskauer Staatlichen Universität und des Instituts für Archäologie der Russischen Akademie der Wissenschaften.
Ausschliesslicher Wert der Nowgoroder archäologischen Denkmäler lässt den Problemen der Sicherheit der kulturellen Schicht besondere Aufmerksamkeit schenken. Gerade deshalb wurde Nowgorod die erste Stadt in Russland, wo die kulturelle Schicht laut Stadtverwaltungserlass schon 1969 unter Schutz genommen war. 1992 war das historische Zentrum Nowgorods in die Liste vom Welterbe UNESCO eingetragen.